Herr Boehm, Sie sind Designer und entwickeln neue Formen für die Manufaktur Marke ZWIESEL 1872 der ZWIESEL KRISTALLGLAS AG. Was ist Ihre Motivation?
Prof. Michael Boehm: Wir brauchen wieder Impulse und Initiativen, die aus der Beliebigkeit kurzlebiger Trends herausragen. Die Zwiesel Kristallglas AG hat es sich zum Ziel gesetzt, mit einer neuen Marke ein Zeichen zu setzen. Unser Ziel ist es, mit einem geschlossenen Konzept aus der Inflation langweiliger, billiger und lapidarer Alltäglichkeiten herauszutreten. Wir wagen wieder das Besondere, das "Lächeln" des Glases erkennbar gestalten. Herausgekommen ist eine hochwertige Manufaktur-Kollektion, die sich ganz der handwerklichen Ästhetik verpflichtet.
Eine alte Bauhausidee, die neu interpretiert wird?
Prof. Michael Boehm: Das "Bauhaus" hatte emotionale und rationale Strömung. Uns interessiert beides: Der Weg aus der Beliebigkeit muss zu einer eigenständigen Produktsprache finden. Das "Bauhaus" zielt immer auf die Gebrauchskultur, die zeitlose Form, die Anerkennung beim Gebraucher.
Mit dem Wagenfeld-Schüler Heinrich Löffelhard hat das Unternehmen schon einmal Designstandards geschaffen.
Prof. Michael Boehm: Richtig, doch trotz der Klassiker sind im Laufe der Geschichte viele hervorragende Dinge in Vergessenheit geraten. Mit der Manufaktur-Kollektion erfolgt nun eine Rückbesinnung auf die humane Position: Die Dinge erhalten wieder einen Wert. Handwerkliche Produkte werben für gehobene Tischkultur, Genuss und natürlich einen zeitlosen Lifestyle.
Wie muss man sich das Design der Marke ZWIESEL 1872 vorstellen?
Prof. Michael Boehm: Die neue Kollektion geht auf ganz verschiedene Lebensbereiche ein. Essen und Trinken, Einrichten und Dekorieren stehen gleichberechtigt und integriert nebeneinander. Eher geradlinige, zylindrische Produkte können mit filigranen, großzügig geformten Objekten kombiniert werden. Die ganze Kollektion trägt eine einheitliche Handschrift.
Auffällig ist auch der Umgang mit Material und Farbe.
Prof. Michael Boehm: Die handwerklichen Techniken bieten natürlich sehr viel Gestaltungsspielraum. Vor allem die Kombination verschiedener Farbschichten und Materialien bringt ästhetisch hervorragende Ergebnisse. Bei manchen Vasen in Überfangtechnik kommen bis zu drei verschiedene Substanzen wie Opal, Glas und Kristall zusammen. Farben wie Rubin und Bronze durchdringen die Formen. Das ist eine Kunst, wie das Kochen.
Der Designer Michael Boehm wurde 1944 in Merseburg geboren und zählt zu den wichtigsten europäischen Glasdesignern. Er lebt und arbeitet in Berlin und Oberfranken. Nach dem Besuch der Glasfachschule in Hadamar studierte er bei dem "Dokumenta"-Begründer Prof. Arnold Bode in Kassel. Neben seinen Tätigkeiten als freier Designer für die bekanntesten Marken der Branche arbeitet er als Lehrbeauftragter für verschiedene Hochschulen. Seit 1998 ist Michael Boehm Professor für Gestaltung an der Hochschule für Kunst und Design an der Burg Giebichenstein in Halle. |